OTTO Immobilien Kompass

KW 16 - Update Retailmarkt

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Massive Auswirkungen für Betreiber und Eigentümer.

Patrick Homm, MA - Leiter Immobilienvermarktung Gewerbe


Retailmarkt 

Bisher massive Verluste für Händler und Eigentümer

Seit Dienstag nach Ostern haben in Österreich die ersten Lockerungen im stationären Handel begonnen. Nach dem wochenlangen Corona-Lockdown, bei dem in Österreich circa 12 Mio. m² an Verkaufsfläche* stillstanden und der heimischen Wirtschaft täglich Umsätze in Höhe von etwa 140 Mio. Euro brutto* entgingen, dürfen jetzt kleinere Geschäfte bis 400 Quadratmeter wieder aufsperren. Dazu kommen Bau- und Gartenmärkte (unabhängig von der Größe), Tankstellen und Waschstraßen ebenso Kfz- und Fahrradwerkstätten. Wie stellt sich die Situation aktuell, in der Woche nach Ostern, für den heimischen Handel dar? Diese Fragen haben wir im folgenden Interview den Retail-Experten von Otto Immobilien gestellt:

Patrick Homm MA, Leiter der gewerblichen Immobilienvermarktung: Auch wenn es jetzt zu ersten Lockerungen kommt: In Österreich waren vier Wochen lang knapp 70% der Geschäfte und Handelsflächen geschlossen, die Auswirkungen für Betreiber und Eigentümer waren und sind daher massiv. Dazu kommt, dass der Tourismus ausbleibt, Lokale mussten zur Gänze schließen, die Nachfrage sinkt stetig und die Lieferketten reißen. Auf der Seite der Eigentümer stehen knapp 160 Mio. Euro Mietzinsausfälle pro Monat, dabei sind noch nicht die Verluste durch die Betriebskosten berücksichtigt.

*Quelle: STANDORT + MARKT

Onlinehandel als zweites Standbein - auch in Zukunft?

Welche Bereiche oder Branchen waren durch diesen Shutdown besonders stark betroffen?

Patrick Homm: Jene, die sich in der Vergangenheit lediglich auf den stationären Handel fokussiert haben und sich jetzt in der Krise nicht einen Teil der Umsätze durch das Onlinegeschäft zurückholen konnten. Allerdings beobachten wir aktuell ein Umdenken: Zahlreiche Händler haben in kürzester Zeit einen Online-Vertriebskanal aufgebaut und nutzen diesen nun, um einen Teil der Umsatzausfälle zu kompensieren.

Wie reagieren die Konsumenten?

Patrick Homm: Menschen, die vorher noch nie online bestellt haben, nutzen diesen Weg nun ­– sei es im Bereich der Nahversorgung, Food-Delivery oder dem Textilhandel. Sogar Fahrräder werden aktuell online bestellt. Ebenso hat sich der Dienstleistungssektor den Umständen angepasst, zahlreiche Tutorials werden den Kunden zur Verfügung gestellt, so werden Fitness-Einheiten oder Beratungsgespräche online angeboten.

Somit lässt sich sagen, dass die Entwicklung vor der Krise durch die aktuelle Situation beschleunigt wurde und dieses zusätzliche Angebot nicht mehr wegzudenken sein wird?

Patrick Homm: Ja, durchaus. Man kann davon ausgehen, dass ein Großteil dieser neuen Trends und Gewohnheiten, neben dem stationären Handel, auch im Online-Bereich erhalten bleiben und den gesamten Sektor nachhaltig prägen wird.

Der proaktive und offene Austausch - besser als ein Gerichtsverfahren

Was ist Ihr konkreter Rat an Mieter und Eigentümer in der aktuellen Situation?

Patrick Homm: Wir empfehlen, auf Grundlage einer fundierten Rechtsberatung durch einen auf Immobilienrecht spezialisierten Anwalt das Gespräch zu suchen und einen transparenten Austausch zu führen. Wir alle sitzen im gleichen Boot und jeder von uns möchte gemeinsam in eine nachhaltige und erfolgreiche Zukunft blicken. Wir raten daher, auch alternative Streitbeilegungsinstrumente wie Mediation in Betracht zu ziehen, empfehlen dazu gerne entsprechende Expertinnen und Experten und begleiten auch Mediationsverfahren.

Sie raten also ab, sofort den Weg zu Gericht einzuschlagen?

Patrick Homm: Ein partnerschaftlich geführtes Gespräch oder eine Mediation ist jedenfalls einem Gerichtsverfahren vorzuziehen. Bei Gericht bekommen Sie ein Urteil, mit außergerichtlichen Gesprächen und einem Mediationsverfahren haben Sie die Chance auf eine Lösung.

Sehen Sie auch Positives in der Krise?

Patrick Homm: Ja, durchaus. Zahlreiche Händler wagen jetzt den Blick über den Tellerrand und gehen damit den richtigen Schritt in eine erfolgreiche Zukunft. Und zusätzlich sind häufig auch Vermieter und Mieter etwas näher „zusammengerückt“ und haben so ebenfalls einen Grundstein für eine gemeinsame Zukunft gelegt. 

Shopping-Center besonders hart getroffen 

Besonders hart trifft der Shutdown die Shopping Center. Wie ist hier die Lage?  

Patrick Homm: Alle großen Shopping-Center-Betreiber leiden massiv unter der aktuellen Situation. Besonders hart wurden sie in Bezug auf die Miet- und Betriebskostenausfälle getroffen. Dazu muss man wissen, dass die Betriebskosten eines Shopping Centers bedeutend höher sind als jene in Straßenlagen.
 
Wie reagieren die Betreiber jetzt? 


Patrick Homm: Auch wenn die meisten Geschäfte geschlossen sind, steigt das Arbeitspensum im Hintergrund enorm an. Gegenwärtig ist man hauptsächlich damit beschäftigt, proaktiv mit den Mietern ins Gespräch zu gehen, um eine gemeinschaftliche Lösung zu finden. Heute wird davon ausgegangen, dass die Lage im Sommer besser beurteilt werden kann. 

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Eigentümer?

Stefan Braune, Immobilienberater Retail /Geschäftsflächen:  Auch sie haben mit großen Verlusten in Form von entgangenen Mieteinnahmen zu kämpfen – dies gilt für große institutionelle Eigentümer ebenso wie für private Eigentümer. Geplante Investitionen in die jeweiligen Objekte werden daher teilweise zurückgehalten und Ankäufe sowie laufenden Verhandlungen verzögern sich. 

Ihr Rat an die Eigentümer in dieser Situation? 

Stefan Braune: Das Gespräch proaktiv mit den Mietern zu suchen, um gemeinschaftlich etwa im Wege eines Mediationsverfahrens eine nachhaltige Lösung zu finden. Gerade bei Mietverträgen mit Restlaufzeiten von mehreren Jahren ist ein gänzlicher Ausfall des Mieters oft verheerender als ein vorübergehender Kompromiss. Für große Eigentümergesellschaften empfiehlt es sich, frühzeitig die Anleger zu informieren und eine Zustimmung für das weitere Vorgehen anzufordern, um einen transparenten Kommunikationsfluss sowie einen gewissen Handlungsspielraum zu schaffen.

Wer sind die aktuellen Gewinner und Verlierer in dieser Krise? 

Anthony Crow, MSc. Senior Immobilienberater Retail / Geschäftsflächen: Die großen Verlierer waren bisher vor allem die Schuh-, Lederwaren- und Textilgeschäfte sowie der Bereich Dienstleistung in Einkaufsstraßen, Shoppingcentern und Fachmarktzentren. Neben dem Einzelhandel auch Restaurants, Bars, Cafés und Bäckereien. Diese Branchen verzeichnen teilweise Umsatzrückgänge bis zu 80% und kämpfen um ihre Existenz. Im Speziellen jene, die bis dato nur auf das stationäre Geschäft setzten und keinen Umsatz via Zustellung oder Onlineshop generieren können, sind enorm betroffen und voraussichtlich mittelfristig stark unter Druck. 

Und wer „gewinnt“ in dieser Situation? 

Anthony Crow: Wirtschaftliche Profiteure in der Corona-Krise waren Apotheken oder Trafiken, aber auch Drogeriemärkte und der Onlinehandel. Anbieter von pharmazeutischen, medizinischen sowie kosmetischen Produkten verzeichnen außerdem nachweisbar solide Zuwächse. Hervorzuheben ist selbstverständlich der Lebensmitteleinzelhandel, wo sich neben den Supermarktfilialen auch Lieferdienste für Lebensmittel und Drogerie über die überdurchschnittlich hohe Nachfrage erfreuen. Allerdings hat dieser Trend bereits wieder nachgelassen.   Die Bezeichnung ‚Handel im Wandel‘ ist spätestens ab jetzt ohne Zweifel die Realität und wir gehen davon aus, dass die tatsächlichen Auswirkungen erst ab Sommer spürbar werden. 

Nach dem Shutdown nun leichte Hoffnung auf die Zeit nach der Krise

Wie ist die aktuelle Stimmung am Retailmarkt?

Mag. Ditha Kristin Ritschka LL.B. (WU) Immobilienberaterin Retail / Geschäftsflächen:  Nach einer gewissen Schockstarre und extremen Zurückhaltung beobachten wir mittelfristig eine vorsichtig optimistische Grundhaltung, abhängig vom jeweiligen Segment.  Einstimmige Meinung ist, dass es für den Einzelhandel trotz des nun noch stärkeren Onlinehandels eine Zeit nach der Krise geben wird.

Wie könnte es nun weitergehen?

Mag. Ditha Kristin Ritschka: Die mittelfristige Strategie der Retailer hängt davon ab, wie solide ihre unternehmerische Basis vor der Krise war und ob sie eine Möglichkeit finden konnten, währenddessen alternative Absatzkanäle zu erschließen. Überwiegend liegt der mittelfristige Fokus auf der Erhaltung des Kerngeschäfts, somit sind Expansionen vorerst auf Eis gelegt. Daneben gibt es dennoch einige, die ihre Expansionspläne vorantreiben wollen, sowie auch leider jene, die aufgrund der massiven Umsatzeinbußen gezwungen sind, sich (schrittweise) zurückzuziehen bzw. ihr Portfolio bereinigen müssen.

Eine letzte Frage– wie hat sich durch die Corona-Krise die tägliche Arbeit für das Retail-Team von Otto Immobilien nunmehr verändert?

Patrick Homm MA, Leiter der gewerblichen Immobilienvermarktung : Da sich unser Business als Retail-Dienstleister stark am aktuellen Bedürfnis der Kunden orientiert, hat sich nicht nur unser Arbeitsalltag durch Tätigkeit aus dem Homeoffice, sondern auch der inhaltliche Schwerpunkt vorübergehend verschoben. Jenen Kunden, die zum Filialabbau gezwungen sind, können wir nun mehr denn je durch offenen Strategieaustausch sowie Unterstützung bei der raschen Nachmietersuche helfen. Jene, die ihre Expansion vorübergehend stillgelegt haben, schätzen es, Kontakt zu halten und über mögliche Gelegenheiten informiert zu werden. Hierbei setzen wir verstärkt auf virtuelle Präsentationen der Objekte in Form von 3D-Touren sowie Video-Calls, um bestmöglichen Service in dieser außergewöhnlichen Zeit zu bieten.

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Wir freuen uns auf Ihre Nachricht.

Unsere Retail Experten:

Stefan Braune, Ditha Kristin Ritschka, Patrick Homm & Anthony Crow

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