Hietzing – Nobel, diskret und „grün“. Ein Spaziergang durch das historische Villenviertel.

Es ist ein ruhiger, ein vornehmer und auch ein besonders „grüner“ Wohnbezirk. Wer den Namen Hietzing nennt, der tut es mit einer diskreten Hochachtung. Denn auch heute noch weiß jedes Kind, dass es sich hier im weitesten Sinne um eine kaiserliche Umgebung handelt. Schönbrunn, dieses Traumschloss Maria Theresias, der Park in seiner großen Theatralik des weiten Parterres. Geradezu fürstlich thront die Gloriette auf ihrer Anhöhe - dort, wo eigentlich das Schloss hätte stehen sollen. Ein Gesamtkunstwerk, das den Charakter Hietzings im Laufe der Geschichte entscheidend mitprägen sollte.
Text: Prof. Hans-Werner Scheidl; Foto: Christian Steinbrenner


Dabei waren die Anfänge eher mühsam. Aus kleinen Verhältnissen ist Hietzing vor 325 Jahren zu seiner heutigen Bekanntheit als Nobelbezirk emporgestiegen. Kaiser Leopold I. hatte 1695 seinen Stararchitekten Johann Bernhard Fischer (von Erlach) angewiesen, aus der kleinen „Katterburg“ am Ufer des Wienflusses eine Sommerresidenz zu schaffen, Nicolaus Pacassi vollendete das Werk. Und bald war Hietzing „in“. Adelige, Hofbeamte, Untertanen und Abhängige von kaiserlicher Gunst, sie alle ließen im alten Ortskern (Hietzinger Hauptstraße, Am Platz, Altgasse) Sommervillen errichten, um der Huld Maria Theresias möglichst nahe sein. Dazu gesellten sich im Biedermeier reiche Wiener aus dem gehobenen Bürgerstand, die auch die berühmten Vergnügungsstätten zu schätzen wussten, wie etwa das Tanzlokal Dommayer, wo u.a. Johann Strauß aufspielte.

 

Vill Holzhausen, Villa Brix I © Österreichische Nationalbibliothek 2015

Die Werkbundsiedlung – Lehrbeispiel für angehende Architekten

Zunächst nur mit den primitiven Stellwägen von Wien aus erreichbar, fuhr 1867 schon die Pferdetramway von der Bellaria nach Hietzing. 1887 gab es schon eine Dampftramwaylinie bis nach Ober St. Veit, wo das dortige Schlössl den Wiener Erzbischöfen eine sommerlich kühle Residenz bot. Lainz und Speising waren zwar weniger exklusive Wohngegenden, hingegen zählen sie heute zu den gefragtesten, denn hier gibt es noch Baugründe. Und hier, in Lainz, entstand unter Bürgermeister Lueger nicht nur das größte städtische Pflegeheim Europas, sondern auch ein architektonisches Experiment: Die Werkbundsiedlung, 1932 vollendet, galt sie als Musterbeispiel für den modernen kommunalen Wohnbau und wird heute noch von Architekturstudenten aus der ganzen Welt besichtigt. Im April 2020 hat die EU-Kommission der Werkbundsiedlung das „Europäische Kulturerbe Siegel“ verliehen.

Die Villa Blaimschein – errichtet von Stadtbaumeister Josef Wenz

Unser historischer Spaziergang führt uns entlang der Lainzer Straße, vorbei an einer repräsentativen Reihe der schönsten Hietzinger Villen. Während linkerhand an der Ecke Gloriettegasse das Gebäude des früheren Polizeikommissariats einer künftigen Verwendung harrt, schirmt zur rechten Hand ein prächtiges Gitter die Villa Blaimschein ab, heute Irans Botschaft. Die vom Stadtbaumeister Josef Wenz errichtete Liegenschaft erwarb 1900 der Margarinefabrikant Carl Blaimschein. 1938 musste er Österreich verlassen. 1945 wiesen die Besatzungsmächte das Gebäude dem Republikgründer Karl Renner zu, um dort eine provisorische Staatsregierung zu verhandeln, später verkauften Blaimscheins Nachkommen die Liegenschaft.
 

Villa Beer I © Christian Steinbrenner

Die Villa Beer - Ein typisches Beispiel der Wiener Moderne

Gleich hinter der Villa Blaimschein leuchtet in der Wenzgasse die weiße denkmalgeschützte Villa Beer (siehe Bild oben) wie ein Edelstein durch den Garten. Ein architekturhistorisches Monument, 1929 bis 1931 von Josef Frank und Oskar Wlach für den Fabrikanten Julius Beer geplant und gebaut. Das sanierungsbedürftige Gebäude mit einer Wohnfläche von 650 Quadratmetern ist ein typisches Beispiel der Wiener Moderne und steht derzeit zum Verkauf. Das Haus Beer ist eine Weiterentwicklung der Ideen von Adolf Loos. Durch die Verschränkung von Halle und offener Stiege, durch Terrassen, Treppenpodeste und große Salons werden den Bewohnern – wie in einer Stadt – verschiedene Raumerlebnisse geboten.

Weniger bekannt ist die Villa Geitler (Lainzer Straße 43), immerhin erbaut von den Ringstraßen-Stars Fellner (Junior) und Helmer für die Familie Geitler im Jahr 1895. Der spätbarocke Bau bot der Erzherzogin Blanca, der spanischen Infantin und Gemahlin von Erzherzog Leopold Ferdinand Salvator, von 1917 bis 1919 Unterschlupf. Seit 1958 ist die Villa wieder im Besitz einer einzigen Familie.

Villa Skywa-Primavesi mit wechselvoller Geschichte

Von der Blaimschein-Villa ists nur ein Katzensprung zu einer der prächtigsten Liegenschaften des Bezirks: Der Villa Skywa-Primavesi in der Gloriettegasse, erbaut 1913 bis 1915 von Josef Hoffmann. Robert Primavesi war Mitglied des Abgeordnetenhauses, Großgrundbesitzer und Großindustrieller. Zu Zeiten des NS-Regimes wurde der Besitzer Leopold Parzer enteignet, dessen Nachkommen verkauften 1955 an den Gewerkschaftsbund, der hier Seminare und Schulungen abhielt. 2000 musste der ÖGB im Zuge seiner Finanzkrise alles verkaufen. Der damalige Bundespräsident interessierte sich brennend für die prachtvolle Anlage samt herzeigbarem Park – als Dienstvilla. Daraus wurde nichts. Er siedelte sich wesentlich bescheidener gleich ums Eck in der Wenzgasse an, wo er 2004 auch starb.

Auch Friedrich Ohmann, ein weiterer Stern am Himmel des Jugendstils, durfte sich in der Gloriettegasse (auf Nr. 21) verwirklichen. Die Villa Schopp wurde 1901 vollendet. Nach einer Gräfin Esterházy ging das Anwesen an den Realitätenbesitzer August Schopp und seine Frau Hermine über. Die ließen das Gebäude umbauen und fügten ein Gewächshaus dazu, damals der letzte Schrei, den sich jede großbürgerliche Familie leistete. Die Villa Schopp und ihre Nebengebäude stehen seit 1978 unter Denkmalschutz.

Ganz in der Nähe, an der Adresse Wattmanngasse 47, ließ 1895 der Realitätenbesitzer Franz Bergauer eine zweigeschossige Villa errichten. 1906 erwarb Eugen Krauspe den Besitz. Seine Gattin Caroline wurde unter dem Namen Lotte Medelsky als Burgschauspielerin weltberühmt. Das Gebäude ist seit seiner Errichtung nahezu unverändert geblieben. Die originale malerische Silhouette konnte trotz einer Sanierung im Jahr 1995 erhalten bleiben.

Von der „Dollarprinzessin“ zur Klimt-Villa

Unser historischer Spaziergang führt uns weiter in der Lainzer Straße, stadtauswärts. Auf Nr. 127 steht die 1867 errichtete sogenannte „Villa Dollarprinzessin“. Ludwig Ramler baute für den Operettenkomponisten Leo Fall und seine Frau Bertha die bestehende zweigeschossige Villa um. Die originelle Bezeichnung des Wohnhauses stammt vom Komponisten selbst, denn mit der gleichnamigen Operette feierte er 1907 im Carltheater sensationelle Erfolge. Im Zuge des Umbaus 1909/10 wurde ein ebenerdiges Gästehaus und eine „Automobilremise“ mit einer Waschküche errichtet. In früheren Jahren war sie kaum bekannt, heute zählt sie zu den berühmten Objekten im 13. Bezirk: die Klimt-Villa (eigentlich Villa Werner) in der Feldmühlgasse. Gustav Klimt mietete dieses Haus im Jahr 1911 und ließ den Bau sogleich zu einem Atelierhaus adaptieren. Klimt wirkte in seinem Hietzinger Atelier von 1911 bis zu seinem Tod im Jahr 1918. Dort entstanden seine berühmtesten Werke – darunter die „Goldene Adele“. Die rund 5.500 Quadratmeter große Liegenschaft befindet sich – nach Enteignung im NS-Regime und Restitution nach dem Kriege – seit 1954 im Eigentum der Republik und ist seit Dezember 2000 als „historisches Objekt“ anerkannt.

Villa Blum: Einst Düsentriebwerk, heute Agrarhochschule

Ganz abseits von den Verkehrsströmen erhebt sich in einem fast 30.000 Quadratmeter großen Parkgelände die Villa Blum in der Angermayergasse in Ober St. Veit. Carl Witzmann errichtete 1923 auf der Anhöhe des Trazerberges eine Villa, natürlich mit Gewächshaus. Dem Besitzer Leopold Blum (Wachstuchfabrik Blum & Haas) nahm die Gestapo alles weg, 1942 kam ein berühmter Käufer: Ernst Heinkel, der Gründer der gleichnamigen Flugzeugwerke. 1938 bis 1939 entwickelte er das erste Düsentriebwerk der Welt. 1943 ließ er die Villa adaptieren und an der Ostseite einen dreiachsigen Anbau errichten. Eine Kelleranlage diente im Zweiten Weltkrieg zur Herstellung von Flugzeugmotoren. 1950 erhielt Leopold Blums Tochter die Liegenschaft zurück. Man verkaufte 1951 an das Landwirtschaftsministerium. Dieses nützt das Gebäude samt Zubauten heute als Hochschule für Agrar-und Umweltpädagogik.

Immer wieder begegnen wir auf unserem Rundgang durch Hietzing geschichtlichen Tatsachen, denen wir nicht ausweichen können. Wo reichlicher Besitz vorhanden war, schlugen ab 1938 Neid und Habgier ohne Erbarmen zu. Die Besitzer wurden gezwungen, unter dem Wert zu verkaufen, um das nackte Leben zu retten. Ihre Nachkommen wurden mit lächerlichen Summen abgespeist und in vielen Fällen waren die Republik oder die Stadt Wien die lachenden Dritten. Die aktuelle Auseinandersetzung zwischen der Kommune und einem Nachkommen der Rothschilds um die Stiftung am Rosenhügel ist jedenfalls kein Ruhmesblatt für die Rathausbürokratie.
 


 

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